Brief von Robert Franz an den Brockhaus-Verlag vom 13./14. Juni 1865

 Brief

 Robert Franz (Verfasser)
Johann Friedrich Naue (Erwähnung)
Frédèrich Chopin (Erwähnung)
 Robert Schumann (Erwähnung)
Joseph Haydn (Erwähnung)
 Franz Liszt (Erwähnung)
Carl Gottlob Abela (Erwähnung)
F. A. Brockhaus, Leipzig (Verlag) (Empfänger)
Friedrich Schneider (Erwähnung)
  • Full title: Brief von Robert Franz an den Brockhaus-Verlag vom 13./14. Juni 1865
  • Date: 13.06.1865
  • Language: Deutsch
Material/Technik:
Tinte auf Papier

Maße:
1 Doppelbl. (2 S. beschr.) + 1 Doppelbl. (3 S. beschr., Beil.) + 1 Doppelbl. (Folio, offenbar Umschlag aus früherer Sammlung); H 22 cm, B 14 cm
Stiftung Händel-Haus Halle (Source)
CC BY-SA 4.0


Content

Franz übersendet dem Verlag auf Wunsch eine Selbstbiographie. Er bittet darum, dass "das Conversationslexicon durch Behandlung nicht unwesentlicher Fragen zur endlichen Klärung mancher Meinung und Ansicht beitragen könnte."

Hochgeehrter Herr!
Auf Ihren Wunsch sende ich eine flüchtige Skizze meines Lebensganges ein. Natürlich habe ich mich einer Beurtheilung meiner künstlerischen Thätigkeit enthalten. Sollte der Redaction an hier einschlägigem Material gelegen sein, so verweise ich auf einen Artikel von Fr. Liszt, den die neue Zeitschrift für Musik 43:ter Band No: 22 u. 23 enthält. Außerdem brachte die "deutsche Musikzeitung" (Wien, Selmar Bagge) Jahrgang 1, No: 44 u. 45 einen eingehenden Aufsatz über denselben Gegenstand, der nicht ganz unwesentliche Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen sucht.
Sehr lieb würde es mir sein, wenn das Conversationslexicon durch Behandlung nicht unwesentlicher Fragen zur endlichen Klärung mancher Meinung und Ansicht beitragen könnte.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Halle d. 13.ten Jun. 65.
Rob. Franz.

[3. Seite von anderer Hand:]
1865.
Halle, 13. / 14. Juni.
Franz.

[Beilage:]
Franz (Robert)
Ich bin im Jahre 1815 den 28.ten Juni in Halle a/S. geboren. Die Verhältnisse im elterlichen Hause boten mir wenig künstlerische Anregung - im Gegentheil wurde, was nicht zum bürgerlichen Brauch im Sinne des vorigem Jahrhunderts gehörte, als unnütz u. verderblich betrachtet. Ohne besondere Ereignisse verlief meine Jugend, u. nur sehr zufälligen Veranlassungen habe ich es zu danken, daß meine musikalischen Anlagen geweckt wurden. Bereits 14 Jahr alt geworden, lag es mir nun ob, u. zwar ohne alle Unterstützung seitens meiner Angehörigen, die Elemente der Musik so gut es eben gehen wollte, auf eigene Hand zu erlernen. Später konnte man mir freilich einen Lehrer nicht mehr vorenthalten, jedoch wurde diese Wahl ohne jedes Verständniß meiner Bedürfnisse getroffen. Demzufolge trat häufig(?) Wechsel in Unterricht und Methode ein, so daß ich in einem Zeitraume von 4 Jahren bei sämtlichen Musiklehrern in Halle studirt, von jedem das Beste profitirt hatte, ohne deßhalb gerade ein großes Capital von Wissen u. Können mein eigen kennen zu dürfen. Meist war ich mir selbst überlassen und trieb was meinen Bedürfnissen eben am meisten entsprach. Eine solche Lage der Dinge bestimmte vielleicht mehr als alle späteren Entschlüsse den autodidaktischen Charakter meines Talentes. - Damals besuchte ich das Gymnasium des hallischen Waisenhauses. Die Lehrer dieser Anstalt behandelten meine Kunstbestrebungen mit noch größerer Strenge, als sie mir im elterlichen Hause widerfuhr. Der angestellte Cantor [C. G. Abela] hingegen fasste eine besondere Neigung zu mir u. übergab mir das Accompagnement in den Chorstunden. Compositionen von Händel, Haydn u. Mozart warfen die ersten hellen Lichter in das Dunkel meiner bisherigen Kunstübungen u. veranlassten erste Versuche in der Composition. Doch auch hierin blieb ich mir selbst überlassen u. arbeitete auf gut Glück in den Tag hinein. Diese Interessen gewannen allmälig immer mehr u. mehr die Oberhand u. geriethen mit meinen übrigen Verpflichtungen in argen Conflict. Endlich verließ ich aus einer der oberen Classen das Gymnasium u. ging nach Dessau, um unter Fr. Schneider Musik zu studiren.
In Dessau wiederholten sich, wenn auch in veränderter Gestalt, ziemlich dieselben Erscheinungen, die meine früheren Beziehungen zur Kunst kennzeichneten. Zwar nöthigten die Verhältnisse zu einer vorgeschriebenen Thätigkeit - privatim wußte ich mich der Schneider’schen Methode aber umso energischer zu entziehen u. verfolgte Richtungen, die meines Lehrers Beifall schwerlich erhalten haben möchten. Dazu wurden mancherlei Compositionsversuche angestrengt, die eine wunderliche Mischung von Schulzwang u. dem Bedürfnisse, denselben abzuschütteln, darstellten. 2 Jahr blieb ich in Dessau (1835-37) u. kehrte darauf in das elterliche Haus zurück. In Halle hatte ich nun hinsichtlich meiner Bestrebungen, eine unabhängige Lebensstellung zu erringen, mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Je weniger Erfolge zu erreichen waren, um so leidenschaftlicher zog ich mich wieder auf Privatstudien zurück. Um diese Zeit lernte ich zuerst Seb. Bach u. Fr. Schubert kennen. Das Kunstgenie beider, verbunden mit einer gründlichen Umgestaltung meiner bisherigen Welt u. Kunstauffassungen, beseitigten gar bald meine Dessauer Errungenschaften u. ich mußte in gewissem Sinne in Kunst u. Leben wieder von vorn anfangen. Die nächste Folge war ein absolutes Zurückgedrängtwerden eigener Compositionsbestrebungen u. ein völliges Aufgehen in die neuen Stoffe. Dieser Zustand hielt eine Reihe von Jahren an u. beruhigte sich erst nach vielen Kämpfen und Mühen, welche durch das Verarbeiten der inzwischen neu auftauchenden Persönlichkeiten, Mendelssohn, Schumann u. Chopin eher vertieft als verringert wurden. Nach u. nach kam ich wieder auf mich selbst zurück u. versuchte meine eigene Sprache zu reden. Neigung u. natürliche Anlage zog mich meist zur musikalischen Lyrik u. ich gab mich dieser Richtung unbedingt hin. Mit derartigen Productionen ging Hand in Hand eine stets wachsende Teilnahme an bach’scher Kunst, die mir später einen neuen Kreis der Thätigkeit eröffnete. Bekanntlich sind die meisten bach’schen Kirchenwerke auf die freie Mitwirkung der Orgel berechnet u. zeigen deßhalb in dem uns Ueberlieferten eine skizzenhafte Gestalt. Diese Skizzen suchte ich durch selbständige Bearbeitungen im Geist u. Stil des Meisters zu ergänzen u. es liegen eine namhafte Anzahl derartiger Bestrebungen dem Publikum vor. Persönlich erachte ich diesen Theil meiner künstlerischen Thätigkeit für mindestens ebenso wichtig, als was ich in freier Production schaffen durfte. -
Was nun schließlich meine bürgerliche Stellung betrifft, arbeitete sich dieselbe im Laufe der Jahre zur erwünschten Clarheit hindurch. Zunächst wurde ich an einer der Stadtkirchen als Organist angestellt; später übertrug man mir die Leitung der hiesigen Singacademie u. der größeren Concertvereine. Dann trat ich an Naue’s Stelle als Universitäts=Musikdiretor ein u. wurde in Folge meiner Bestrebungen zu Gunsten bach’scher Musik von der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität zum Doctor corirt(?).
Robert Franz.